Ohren: Cochlear Implantat notwendig?

Gepostet am Aktualisiert am

Bevor ich die Diagnose Usher bekam, war mein Hauptproblem die Ohren. Im Grunde genommen sind sie es immer noch. Mein Hörverlust ist weitaus gravierender als meine Einbußen im Gesichtsfeld. Vor 1,5 Jahren war ich seit langem mal wieder beim Ohrenarzt. Normalerweise brauche ich da nicht hin, ein Akustiker versteht wesentlich mehr von Schwerhörigkeit als der durchschnittliche HNO. Auch die Technik für Hörtests ist dort meist veraltet, die Arzthelferinnen nicht besonders geschult darin und oft gibt es nicht einmal einen schalldichten Raum, um vergleichbare Ergebnisse erzeugen zu können. Aber wenn man eine neue Hörgeräteverordnung oder in diesem Fall ein Attest für einen Reha-Antrag braucht, dann muss man eben zu einen offiziellen Ohrenarzt.

Seit knapp 30 Jahren absolviere ich nun schon Hörtests und weiß, dass es anstrengend und frustrierend wird. Ich war mir zwar bewußt, dass ich schwerhörig bin, schließlich trage ich Hörgeräte, aber über das genaue Ausmaß hatte ich mir nie Gedanken gemacht (so ein bißchen halt, schließlich komme ich ja super im Alltag klar). Was der Arzt dann aber sagte, haute mich schier vom Hocker.

„Haben Sie sich schon mal Gedanken über ein CI gemacht?“

CI = Cochlear Implantat

WAS??? Ich dachte das bräuchte man, wenn man fast taub ist und so kam ich mir nicht vor.

Er schickte mich dann in die hier ansässige Klinik für ein Beratungsgespräch. Auch dort war man der Meinung, dass ein CI angebracht sei. Es fielen so sensible Sätze wie „ihr Restgehör ist ja nichts mehr wert“. „Klar, ich schaffe es aber zufällig damit mich mit Ihnen zu unterhalten“, habe ich mir gedacht. Sprechen konnte ich nicht mehr, ich hätte nur das Heulen angefangen.

Zurück beim Akustiker war dieser natürlich anderer Meinung. Ich sollte mir das gut überlegen, schließlich sei so eine Operation nicht rückgängig zu machen. Und das Restgehör sei wahrscheinlich unweigerlich verloren. Zwar werben die Kliniken häufig damit, dass das Restgehör erhalten bleibt. Ist nur die Frage wieviel davon und ob damit noch was zu machen ist.

 

Tja … was nun? Mir war klar die Klinikärzte wollen CI an den Mann bzw. Frau bringen, Akustiker leben von der Hörgeräteanpassung. Ich besuchte eine CI-Selbsthilfegruppe. Alle die dort waren, waren begeistert von den CIs und sagten, sie hätten es schon viel früher machen sollen. Teilweise hatten sie bessere Hörkurven als ich.

Ich blieb skeptisch und verdrängte es erst einmal.

Letzte Woche hatte ich dann meinen Termin wegen Usher in der Uniklinik Heidelberg. Dort hatte ich dann auch ein Gespräch beim Professor der HNO-Abteilung. Er war sehr nett und einfühlsam und hatte Zeit mitgebracht. Sowas kenne ich heute kaum noch von Ärzten.

Er sagte mir zwar, dass er mir sicherlich nicht viel Neues erzählt, da ich meine Schwerhörigkeit schon so lange habe und ich laut Ergebnissen ganz gut mit Hörgeräten eingestellt sei. Meine Frage nach der CI-Notwendigkeit und wie ich das entscheiden solle, hat er mir aber dann ganz gut erklären können.

Zwar sagte er auch, dass ich mich in einer Grauzone befinde. Allerdings sei es ganz wichtig nicht nur das Tonaudiogramm anzusehen (das taten die anderen Ärzte). Ein ziemlich aktuellen Diagramm meiner Ohren habe ich unten angehängt. Dort sieht man, dass meine Hörkurven größtenteils unter dem Sprachfeld (Sprachbanane) liegen. bei einem normal gut hörenden Menschen liegt die Kurve oben an der Nulllinie.

Bild

Das 2. Diagramm ist das Sprachaudiogramm (Freiburger Wörtertest). In diesem werden 2-silbige Zahlen und einsilbige Wörter nachgesprochen. Das Diagramm unterhalb zeigt meine Auswertung ohne Hörgeräte.

o = rechtes Ohr

x = linkes Ohr

E = Unbehaglichkeitsgrenze für Sprache

sprachaudiogramm

Man erkennt bei den Wörtern, dass ich (orange) nie 100 % Sprachverstehen erreiche. Ein gut hörender Mensch (grün) versteht bereits bei einer Lautstärke von um die 30 dB alle Wörter.

Genauer schaut man sich den Punkt bei 65 dB an. Dies ist der Referenzwert für normale Zimmersprachlautstärke.  Dort verstehe ich gerade mal 40 % und 25 % und das ohne Störschall.

  • Bereits bei einem 80 %-Verständnis der Wörter (bei 65 dB) sollte über eine Hörgeräteversorgung nachgedacht werden.

Quelle: http://www.hno-vahle.de/horgerateversorgung/

Mit Hörgeräten verstand ich in der Heidelberger Klinik 65 % bei 65 dB ohne Störschall. Da meine Hörgeräte noch in der Anpassungsphase waren wurde es beim Akustiker noch besser und ich verstehe mittlerweile ungefähr 80 %.

Und das sind die Werte auf die man tatsächlich gucken muss, meinte der Professor. Solange ich noch so gut mit Hörgeräten hören kann, sollte ich auf keinen Fall über ein CI nachdenken. Genauer sagte er, solange ich noch oberhalb von 5 0% Sprachverstehen bin. Der durchschnittliche CI-Träger hat nämlich kein besseres Ergebnis.

  • Bei einem Sprachverstehen mit Hörgeräteversorgung kleiner 50 % bei 65 dB sollte man sich über ein Cochlear Implantat informieren.

 

Natürlich kann ich jetzt wieder darüber nachdenken, dass bei dem durchschnittlichem CI-Träger auch diejenigen mit reingerechnet werden, die vorher keinen oder einen schlechteren Spracherwerb erfahren haben und somit einer viel größeren Trainingsaufgabe gegenüberstehen, als möglicherweise ich. Die im Kombinieren sehr fit ist. „Bruf-“ verstanden, „Bruft“ gibt es nicht, also war das Wort „Brust“. „Gaft“? Nee… „Gast“! Aber diese gute Kombinationsgabe wird mir auch später bei den CIs helfen. Da bin ich ganz zuversichtlich. Und ich werde zu denen gehören, die den Schnitt nach oben ziehen. Daran glaube ich fest. Daher halte ich erst einmal an der Angabe vom freundlichen Professor fest.

 

Über die Deutsche Cochlear Implant Gesellschaft e.V. besteht die Möglichkeit CI-Selbsthilfegruppe in seiner Nähe zu finden. Gespräche mit Betroffenen rate ich an.

direkter Weg: http://dcig.de/nc/service/experten.html?tx_brexperts_list[action]=list&tx_brexperts_list[controller]=Company

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3 Gedanken zu „Ohren: Cochlear Implantat notwendig?

    Susanne sagte:
    2014/06/02 um 17:29

    Hi Hellen,

    dein Beitrag hat mir in der Tat weiter geholfen. Mein Sprachverstehen mit Hörgeräten ist ganz gut, also ist mein Bauchgefühl richtig, wenn ich noch abwarte in Sachen CI.
    Danke für den Beitrag.

    Liebe Grüße
    Susanne

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    Silvia sagte:
    2016/05/24 um 14:08

    Hallo Hellen,
    dein Beitrag erschreckt mich doch ein wenig. Wenn ich mir deine Hörverlust anschaue wird mir doch etwas „Übel“ bei der Vorstellung, dass man dir da schon ein CI verpassen wollte. Meine Hörschwelle liegt bei 70-80 db auf beiden Ohren, fast grade. Mein Wortverstehen ohne HG bei 65 db = 0% mit HG schaffe ich 60 % ohne Störschall, mit Schall sind es noch 40%. Mein HNO meinte nur, wenn sich meine Hörkurve weiter so rasant verschlechtert (15 db in 8 Monaten), dann darf ich mir in ca. 2 Jahren mal gedanken über ein CI machen. Da sieht man mal, wie unterschiedlich die Ärzte sind.

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      mamuhefi geantwortet:
      2016/07/21 um 10:05

      Hallo Dilvia,
      du hast recht. Ich denke, es hat leider auch damit zu tun, dass ein gewisser Profit für die Ärzte im Raum steht, je mehr CIs sie verpflanzen :(.
      Ich wünsche dir, dass dein Hörverlust nun erstmal stangiert und du noch länger ohne CIs auskommst.
      Dennoch bin ich heilfroh, dass uns diese Möglichkeit zur Verfügung steht.
      LG
      Helen

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