Autofahren I: die erste große Hürde

Gepostet am Aktualisiert am

Schwerhörigkeit stellt für das Autofahren kein Problem dar. Ich kenne Gehörlose die Autofahren und gesetzlich ist das auch erlaubt. Das einzige Problem, was mich selbst auch ins Schwitzen bringt, ist, dass man Sirenen überhört. Ich wäre einmal schon fast von einem Krankenwagen erfasst worden. Aber ich weiß, dass einige Automobilhersteller gewillt sind dieses Problem mittels optischer Signale im Autoinneren zu lösen.

Wenn die Augen den Geist aufgeben, dann sieht das Ganze anders aus. Der Sehsinn ist für das Autofahren unersetzlich. Das ein Vollblinder nicht autofahren kann, ist für jeden logisch. Doch wo ist die Grenze bei einer fortschreitender Sehbehinderung?

Mich persönlich interessiert bei meiner Erkrankung das Gesichtsfeld. Gesunde Augen können im Idealfall ein Gesichtsfeld von 180 Grad in der Horizontalen abdecken. Die Fahrerlaubgnis-Verordnung (FeV) schreibt bei Beeinträchtigungen folgendes dazu vor:

Anlage 6 (zu §§ 12, 48 Abs. 4 und 5)

Anforderungen an das Sehvermögen

1.2.2 übrige Sehfunktionen
Gesichtsfeld:
Normales Gesichtsfeld eines Auges oder ein gleichwertiges beidäugiges Gesichtsfeld mit einem horizontalen Durchmesser von mindestens 120 Grad, insbesondere muss das zentrale Gesichtsfeld bis 20 Grad normal sein. Insgesamt sollte das Gesichtsfeld jedes Auges an mindestens 100 Orten geprüft werden. Ergeben sich unklare Defekte oder steht nicht zweifelsfrei fest, dass die Mindestanforderungen erfüllt werden, so hat eine Nachprüfung an einem manuellen Perimeter nach Goldmann mit der Marke III/4 zu erfolgen.

 

Ich warte noch immer auf meinen offiziellen Bericht aus der Klinik, aber so wie ich meinen Arzt verstanden habe, sollte ich aus dem oben markierten Grund, kein Auto mehr fahren. Es liegt also nicht an dem Gesichtsfeld im Großen und Ganzen. Sondern an zusätzlichen blinden Flecken (Skotome), die leider in das 20 Grad-Feld reichen.

Das trifft mich ziemlich hart und wird die erste große Hürde für mich sein, die es zu überwinden gilt. Ich sehe selbst ein, dass ich im Dunkeln aufgrund meiner schlechten Nachtsicht nicht mehr fahren sollte. Aber tagsüber kann ich mir fast nicht vorstellen, dass diese Tatsache Realität sein soll.
Nun haben mich andere Betroffene natürlich eindringlich gewarnt dies ernstzunehmen. Sollte ein selbst verschuldeter Unfall mit Personenschaden passieren, wird man seines Lebens nicht mehr froh. Das kann ich absolut nachvollziehen und hoffe auch, dass ich die Kurve rechtzeitig kriege ( 🙂 wie doppeldeutig).
Momentan fahre ich aber tagsüber noch. Mein aktueller Lebensentwurf ist anders gar nicht umsetzbar. Ich fahre zur Arbeit mit dem Auto, danach zum Stall zu meinem Pferd. Das wäre mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gar nicht machbar.

Ich sehe mich nach neuen Wohnungen um. Aber es schmerzt alles sehr. Damit wird ein großes Stück Selbstständigkeit, Flexibilität und Spontanität in meinem Leben verloren gehen.

Ich kann nicht mal eben eine Freundin im 50km-entfernten Frankfurt besuchen fahren. Nicht mal eine Freundin im Nachbarkaff, da ich mit den Öffentlichen dafür einen sehr großen Umweg in Kauf nehmen müsste. Nicht mal eben in den Baumarkt im Industriegebiet oder zu einer Veranstaltung. Jeder Ausflug wird genau geplant werden müssen, die Uhr wird mein ständiger Begleiter werden, damit man nicht den letzten Bus verpasst.
Auch beruflich wird es mich einschränken. Jobs bei denen Fahrbereitschaft gefordert ist fallen weg. Jobs die schlecht ans öffentliche Verkehrsnetz angebunden sind fallen weg oder erfordern einen erneuten Wohnungsumzug. Möglicherweise in Gegenden die mir nicht zusagen.
Dies bedeutet ein Verlust an freier Lebensentfaltung/-gestaltung.

Ich versuche mich damit zu trösten, dass ich die meiste Zeit meines Lebens (als Kind, Jugendliche und Studentin) auch ohne Auto ausgekommen bin und mich nicht benachteiligt gefühlt habe. Außerdem nerven mich die alltäglichen Fahrten im Berufsverkehr eh tierisch. Und Sprit und sonstige Kosten spart es auch.

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3 Gedanken zu „Autofahren I: die erste große Hürde

    Susanne sagte:
    2014/07/03 um 10:10

    Hallo liebe Helen,
    ich kann gut nachempfinden, wie es dir geht. Ich fahre derzeit – selbstgewählt – auch nicht mit dem Auto und die Vespa habe ich diese Saison gar nicht angemeldet. Fürs Erste habe ich mir 3 Monate Fahrverbot gegeben. Ich gehe bedeutend mehr und nutze auch vermehrt die Öffentlichen Verkehrsmittel. Mein Telearbeitsplatz macht es mir leichter. Jede krankheitsbedingte Einschränkung schmerzt einfach. Nicht mehr zu fahren, würde auch bei – mir mit dem gewünschten Umzug in ein anderes Bundesland – einen Arbeitsplatzwechsel bedingen.
    Weißt du was, liebe Helen, wir können es nur annehmen und darüber weinen, wenn es sich danach anfühlt. Wer weiß, ob z.B. ein Arbeitsplatzwechsel nicht auch eine Entschleunigung bedeutet – kein Stau mehr, kürzere Wege….. Diese Entschleunigung würde uns ja gut tun.
    Zudem, wie schaut das bei dir aus? Kannst du die Erblindung und Ertaubung durch deinen Lebensstil beeinflussen, um Jahre hinauszögern, wenn nicht gar aufhalten?
    Liebe Grüße
    Susanne

    Gefällt 1 Person

      mamuhefi geantwortet:
      2014/07/03 um 12:15

      Danke für dein Mitgefühl, liebe Susanne.
      Die Krankheitsverläufe bei Usher-Patienten sind total unterschiedlich. Bei dem einen geht es schnell, bei dem anderen langsam, mal in Schüben, mal stetig verschlechternd.
      Mein Arzt hat mir gesagt, dass es keine Mittel zur Heilung und Verlangsamung gibt, außer vielleicht nicht zu rauchen und sich vor UV-Licht schützen. Geraucht habe ich noch nie. Auf das UV-Licht versuche ich zu achten und werde vermehrt gute Sonnenbrillen tragen.
      Allerdings haben mir andere RP-Patienten auch mitgeteilt, dass es welche gibt, die nie Sonnenschutz getragen haben und ihre Krankheit langsamer verlief als andere die penibelst darauf geachtet haben.

      es ist ist und bleibt eben ein Überraschungspaket.

      Aber ich glaube fest daran, dass eine gesunde Psyche ihren Teil dazu beiträgt, dass der Verlauf zumindest abgeschwächt wird. Aufhalten wird es das jedoch nicht.
      Bei meinen Ohren spricht es aber auch dagegen. Von 10-20 Jahren hatte ich eine Verschlechterung von 10 % und ich hatte eine gute entspannte Kindheit. Und als gestresste Studentin und Arbeitnehmerin, mit teilweise depressiven Schüben, waren es auch 10% auf 10 Jahre gesehen. Also kein Unterschied.

      Mein Arbeitsplatz ist perfekt für eine Behinderung (hauptsächlich PC-Arbeit, zentral gut angebunden, unbefristete Anstellung, Schwerbehindertenvertretung). Allerdings bin ich noch jung und wollte mich irgendwann nochmal in neue Gefilde aufmachen. Was mir jetzt sehr unvernünftig vorkommt.

      Gefällt mir

    Susanne sagte:
    2014/07/04 um 10:24

    Liebe Helen,
    auch ich bin davon überzeugt, dass die Psyche einen gravierenden Teil zur Gesundheit beträgt und somit auch zum Verlauf der Krankheit. Ich habe ja auch ein Überraschungspaket. Ich glaube sogar, dass die Psyche Krankheiten aufhalten kann. Ich muss auch daran glauben, denn den Glauben an die Medizin habe ich – was den Morbus Menière anbelangt – verloren. So kann ich nur daran glauben, mir selber helfen zu können und mein bestmögliches dafür zu tun.
    Deine Diagnose ist noch nicht sehr lange her. Wer weiß, ob nicht doch mal ein Arbeitsplatzwechsel möglich ist und sich wunderbare neue Möglichkeiten auftun :). Ich wünsche es dir, ebenso dass der Gesundheitsverlauf den Krankheitsverlauf verdrängt :).
    Alles Liebe Susanne

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